Resilienz – Interview mit Eva v. Buch
Digitaler Stress
In einer unserer Schulungen für Schwerbehindertenvertretungen entstand der Wunsch, ein Seminar zum Thema Resilienz anzubieten. Aus dieser Idee entwickelten wir gemeinsam mit unserer Referentin Eva von Buch ein Konzept für Betriebs- und Personalräte, die SBV und MAV.
Aber über was reden wir eigentlich?
Wer fühlt es nicht, wie ständige Erreichbarkeit, permanente digitale Kommunikation, enge zeitliche Taktungen und der Druck, mit neuen Techniken und neuen Apps auf dem Laufenden zu bleiben, uns stressen. Digitaler Stress begegnet uns zunehmend in unserer täglichen Arbeit.
Der Begriff Resilienz kommt ursprünglich aus der Psychologie und beschreibt die Fähigkeit, mit Belastungen, Veränderungen und Krisen so umzugehen, dass man daran nicht zerbricht, sondern daran wächst. Resiliente Menschen können Rückschläge besser verkraften, sich schneller erholen und bleiben handlungsfähig.
Mit Eva von Buch, Referentin für Arbeit & Lernen Detmold und BGM-Beraterin haben wir genauer darüber gesprochen.
Interview

Arbeit und Lernen Detmold (AuL): Liebe Eva, Du bist Expertin für Gesundheitsschutz im Betrieb und als Referentin für uns tätig. Kannst Du bitte kurz noch etwas mehr über Dich sagen?
Eva v. Buch: Ich bin schon viele Jahre in der Beratung von Betriebs- und Personalratsgremien tätig, mit dem Schwerpunkt „Gesundheit im Betrieb“. Besonders die Analyse psychischer Belastungen und die Prävention psychischer Störungen und Erkrankungen liegen mir bei meiner Arbeit am Herzen. Dabei spielen auch die persönlichen und betrieblichen Ressourcen eine sehr große Rolle – und eine gewisse Widerstandskraft, also Resilienz auszubilden, ist ein wesentlicher Baustein, um möglichst lange gesund und zufrieden arbeiten zu können. Als MBSR-Trainerin (Mindfulness Based Stress Reduction – Anmerkung der Redaktion) habe ich auch für mich selber gelernt, welche Methoden hilfreich sein können im Umgang mit Stress und Belastungen.
AuL: Warum ist das Thema Resilienz – also psychische Widerstandskraft – überhaupt wichtig für die Arbeitswelt?
Eva v. Buch: Unsere Welt – und damit auch unsere Arbeitswelt – verändern sich rasant und ständig! Wir Menschen mögen keine Veränderungen, und trotzdem müssen wir fast täglich einen möglichst guten Umgang mit ihnen finden. Krisen und Aufschwünge, Personalmangel und die sich ständig verändernden Rahmenbedingungen, Anforderungen und Stimmungen. Wir stellen fest, dass offensichtlich immer mehr Menschen auf diese Wechselbäder der Gefühle reagieren, sie entwickeln Ängste oder Depressionen, ziehen sich zurück. Resilienz kann im weitesten Sinne dazu verhelfen, dass wir Krisen oder Stresssituationen besser und schneller überwinden können – und dass wir sogar gestärkt aus ihnen hervorgehen.
AuL: Und was hat digitaler Stress damit zu tun?
Eva v. Buch: Die Veränderungen unserer Arbeitswelten wurden in den letzten Jahren sehr stark geprägt durch den Einsatz digitaler Medien. Die Kommunikation hat sich immens beschleunigt durch E-Mail und andere soziale Medien. Unsere Daten befinden sich häufig nicht mehr auf Papier, sondern werden in „Clouds“ gespeichert. Die allgemeine Beschleunigung von Kommunikation, die ständige Erreichbarkeit, die Anforderungen an unsere Medienkompetenz – all‘ diese Faktoren können zu einem hohen Stressempfinden führen, wenn wir nicht in der Lage sind, sie sinnvoll zu regulieren bzw. der Arbeitgeber uns nicht davor schützt oder ausreichend qualifiziert. Häufig treibt eine komplizierte Software Mitarbeitende in die Verzweiflung. Die Digitalisierung sollte ursprünglich zu einer Entlastung der Mitarbeitenden und einer Beschleunigung von Prozessen führen. In vielen Arbeitsbereichen gelingt dies über lange Strecken nicht. Somit trägt die Digitalisierung in vielen Fällen zu einer erhöhten psychischen Belastung bei. Digitaler Stress ist ein Stress, vor dem wir nicht davonlaufen können wie vor dem sagenumwobenen Säbelzahntiger… Vielen von uns fehlt der körperliche Ausgleich, um den Stress vor dem Bildschirm sinnvoll zu kompensieren!
AuL: Warum sollten sich betriebliche Interessenvertretungen mit Resilienz und digitalem Stress beschäftigen?
Eva v. Buch: Ich nehme wahr, dass viele Interessenvertretungen sich schon seit Jahren durchaus intensiv mit den Auswirkungen der Digitalisierung unserer Arbeitswelt auseinandersetzen. Es wird in dieser Auseinandersetzung auch immer wieder deutlich, welche Folgen die Digitalisierungsprozesse für viele Mitarbeitende haben. Hilfreich wäre sicherlich, wenn Interessenvertretungen zuerst einmal für sich selbst Ideen und Konzepte hätten für einen gesünderen und gelasseneren Umgang mit den Auswirkungen der Digitalisierung. Und wenn sie dieses Wissen dann auch an ihre Belegschaften weitergeben könnten. Denn eines ist klar: Die Entwicklung wird nicht einfach stoppen: mit dem Ausbau von KI-Nutzungsmöglichkeiten werden viele weitere Herausforderungen auf die Interessenvertretungen zukommen. Eine Möglichkeit ist der Aufbau einer natürlichen Resilienz – übrigens auch als Gremium (!). Ein gesunder Umgang mit Stress, oder beispielsweise mit eigenen und fremden Emotionen.
AuL: Was können Interessenvertretungen konkret tun, um das Thema im Betrieb voranzubringen?
Eva v. Buch: Am Anfang steht sicherlich die eigene Auseinandersetzung mit dem Thema – ganz persönlich und auch im Gremium. Zusätzlich helfen natürlich regelmäßige Informationen für die Kolleg*innen im Betrieb, auf der Betriebs-/Personalversammlung oder über das Intranet. Ich erlebe es auch immer wieder als hilfreich, wenn externe Referent*innen zu Vortragsveranstaltungen eingeladen werden. Sie können häufig sehr plastisch schildern, was passiert, wenn Resilienz fehlt – und was man tun kann, um sie aufzubauen. Außerdem halte ich es für wichtig, dass es Anlaufstellen für stressbetroffene Kolleg*innen gibt. Das können erfahrene Mitglieder des Gremiums sein, aber auch andere Ansprechpartner*innen. Die Möglichkeit, zeitnah über die Auswirkungen psychischer Belastungen zu sprechen, ist enorm wichtig. Das Thema „Resilienz“ sollte auch immer wieder beim Arbeitgeber platziert werden, falls möglich, im Rahmen eines BGM-Aufbaus. (Betriebliches Gesundheitsmanagement -Anmerkung der Redaktion). Dort hinein gehören auch Angebote der betrieblichen Gesundheitsförderung, häufig in Kooperation mit den Krankenkassen entwickelt. Auch hier gibt es tolle Angebote zur Entwicklung individueller Resilienz!
AuL: Zum Schluss: Hast Du einen Tipp, womit wir beginnen sollten, um resilienter zu werden?
Eva v. Buch: Ich selber beobachte gerne andere Menschen. Wenn ich den Eindruck habe, dass jemand eine gut ausgeprägte Widerstandsfähigkeit hat, dass er/sie positiv mit Veränderungen oder auch Niederlagen umgehen kann, frage ich: Wie machst Du das? Wie bist Du dahin gekommen, was hat Dir dabei geholfen? Und dann schaue ich, was davon ich vielleicht auch für mich übernehmen kann. Es ist wichtig, neugierig zu bleiben und die Bereitschaft zu haben, das eigene Verhalten zu beobachten und wenn nötig wieder in ein Gleichgewicht zu bringen.
Liebe Eva, vielen Dank für das Gespräch!
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